LESEPROBE aus dem Roman, 1. Kapitel (gekürzte Fassung)

Erste Auflage 2020
 © edition lex liszt 12
 Raingasse 9b, A-7400 Oberwart, Austria
 info@lexliszt12.at, www.lexliszt12.at
 ISBN: 978-3-99016-177-7 


Nichts als Gekreische 

Der schrille Schrei hätte mühelos einen Dahingeschiedenen aus dem ewigen Schlaf zurückgeholt, nicht aber unsere Nachbarin aus ihren Tagträumen, denen sie beim Fensterputzen nachhing. Träume von gleichermaßen steinreichen wie steinalten Männern auf der Suche nach ihr, einer attraktiven, eben erst zur Vollblüte gelangten siebzigjährigen Witwe, die lediglich ein wenig schwerhörig war. Allein die Lautstärke, auf die sie des Abends ihren Fernseher hochquälte, verriet der Nachbarschaft freilich, dass Ilonka stocktaub war. Sie selbst betrachtete dies kokett als geringfügigen, liebenswerten Makel, vergleichbar dem Silberblick einer ansonsten perfekt geratenen Miss World.

Jeder wusste, dass Ilonka Toth zwei Ehemänner auf den Friedhof geleitet hatte (wobei ihr Nachname nicht Programm war, sondern im Ungarischen eine andere Bedeutung hat, als sein Klang für uns nahelegt). Beim zweiten Mal waren die am Grab vergossenen Tränen echt gewesen, weil sie nicht vom Seelenschmerz, sondern vom Selbstmitleid herrührten. Ilonkas Pech war, dass ihr Erster ihr auf der stabilen Basis seiner herzinfarktrisikosteigernden Arbeitswut einen Haufen Geld, ihr Zweiter aber auf dem wackeligen Fundament seiner alkoholkonsumfördernden Spielsucht einen Berg Schulden hinterlassen hatte. Dass der sehnlichst herbeigewünschte Dritte vor allem gesunde wirtschaftliche Verhältnisse wiederherstellen und danach rasch abtreten sollte, war ein offenes Geheimnis und wohl der Grund dafür, dass sich die in der Gegend ohnehin dünn gesäten steinreichen Alten selten in Ilonkas Nähe wagten. 


Weniger durchschaubar waren Ilonkas Erzählungen von ihrer sprunghaften Karriere als Balletttänzerin. Böse und der Zeit entsprechend politisch gar nicht korrekte Zungen – von denen es in unserer Kleinstadt so viele gab, dass ich sie aus Gründen der Zeitersparnis nicht nennen möchte – behaupteten, dass Ilonka nicht an der Oper in Budapest, sondern in einem Etablissement hinter der Oper in Bukarest engagiert gewesen sei und dort nicht nur getanzt habe. Wer sie jemals bei Vollmond alterslos und barfuß im durchscheinenden Nachthemd durch den Garten schweben gesehen hatte – und dieser erhebende und zugleich die junge Seele zerrüttende Anblick war mir in zartem Alter zuteil geworden! –, der konnte sich tatsächlich vorstellen, dass Ilonka Engel und Teufel, Heilige und Hure in einer Person war. Nur das dritte und größte Geheimnis ihres Lebens blieb für immer unergründet; warum sie nämlich ihre Fenster grundsätzlich an trüben, verregneten Sonntagen putzte. 

Jedenfalls ließ der aus dem geöffneten Schlafzimmerfenster unseres Hauses entweichende schrille Schrei aufgrund von Ilonkas beeinträchtigtem Gehörsinn und ihrer tagträumerischen Abwesenheit lediglich Karli zusammenzucken. Der hatte eine Regenpause genutzt, um sich im Garten umzusehen, und suchte nun Schutz hinter einer Reihe von Himbeersträuchern. Dort saß er und spitzte die Ohren, ob da noch mehr kommen würde; und es KAM mehr. 


„Lass es raus, lass es raus!“, kreischte meine Großmutter, während sie ihre Schwiegertochter dafür hasste, dass ihrer plötzlich einsetzenden Wehen wegen die Beilage zum Schweinsbraten auf der Herdplatte angebrannt war. Eine warme Mahlzeit täglich, das war Oma Erikas Beitrag zur Erhaltung des Hauses, das sie mit uns bewohnte. Lange noch sollte der Geruch nach Kohlgemüse, das sich auf dem Grund des Topfes zu einer zentimeterstarken Kohleschicht verdichtet hatte, in den Räumen hängen und uns bis in die hintersten Winkel verfolgen. Dabei hätte die ganze Familie von dem pappigen Brei und einem Stückchen Fleisch, dessen Größe an die entbehrungsreichen Kriegszeiten und Oma Erikas an Auszehrung leidende Witwenpensionsgeldbörse gemahnte, satt werden sollen – zuallererst mein Vater. Der Bub war schließlich ihr Ein und Alles. Nun ja, ihr wären noch andere Dinge eingefallen, für die es sich zu leben lohnte, aber eine Frau und Mutter fügt sich eben, hatte sie in der Klosterschule gelernt – einer von Nonnen geführten „Höheren Lehranstalt für wirtschaftliche Frauenberufe“, wie sie damals in diskriminierender Selbstverständlichkeit hieß. 


Mein Vater war seit vielen Jahren alles, wofür sie ihre Liebe verschwenden konnte, seit ihr Alfred als Kriegsheld in Russland geblieben war – und das buchstäblich. Als Jahrzehnte später die Archive geöffnet wurden, stellte sich heraus, dass mein Großvater dort nicht sein Leben, sondern sein Herz verloren und nach überstan- dener Lagerhaft und ideologischer Umerziehung mit einer Russin mit dem blumigen Namen Margarita ein neues Glück gefunden und eine kleine, zwölfköpfige Familie voller braver Kommunisten gegründet hatte. Und das, obwohl er einst ein überzeugter Nazi gewesen sein dürfte.

Auf jeden Fall war er als Freiwilliger der Waffen-SS mit Begeisterung gen Osten gezogen, doch statt als blut- und ruhmbekleckter Kämpfer heimzukehren, war er zu einem sowjetischen Helden der Arbeit mutiert. Oma Erika bekam von den Nachkriegsenthüllungen günstigerweise nichts mehr mit, sondern lebte zu dem Zeitpunkt bereits in ihrer eigenen, von der Demenz erschaffenen Welt. Darin überreichte ihr geliebter Alfred ihr fast täglich einen Blumenstrauß aus Nachbars Garten, hauchte ihr honigsüße Komplimente ins Ohr und schwängerte sie mit meinem zukünftigen Vater – und das leider nicht überhörbar. Diese Erlebnisse zerstörten meine wohl allzu naive Annahme, dass man richtigen Sex erst Ende der sechziger Jahre erfunden hatte. 

Zurück dorthin, nämlich ins Jahr 1969. „Lass es raus!“, kreischte Oma Erika meine unter Schmerzen kreißende Mutter an und wollte sie damit ermuntern, zu schreien, was das Zeug hielt. Doch das Missverständnis nahm seinen Lauf. „Wenn das so einfach wäre, hätte ich den Balg längst rausgedrückt!“, kreischte meine Mutter zurück, während die Augen aus ihrem hochroten Gesicht hervorquollen. In diesem Moment hasste sie ihre Schwiegermutter, mit der sie ansonsten in einer Art von fragilem Waffenstillstand lebte. Man brauchte einander halt gegenseitig. Und sie hasste deren Sohn, meinen Vater, der mit seinen bald dreißig Jahren immer noch am Rockzipfel seiner Mutter hing und in seinem bisherigen Leben nicht viel mehr zustande gebracht hatte, als nach ein paar Minuten hilflosen, unkoordinierten Gestochers und Gestoßes ein bisschen Samen aus sich herauszuschleudern.
 

Zugegeben, die Unkoordiniertheit hatte sich unter ihrer unnachgiebig-strengen Anleitung stark gebessert. Die Zeit der hektischen Ehestandsliegestütze war vorbei, und offenbar hatte er irgendwo eine einschlägige Zeitschrift in die Hände bekommen, die ihn auf neue Ideen gebracht hatte. Aber sonst? Die weite Welt wollte er ihr zu Füßen legen, in der ihr sattsam bekannten Enge der Provinz hatte er sie festgenagelt und seine „gute Position bei der Gemeinde“ war reiner Selbstbetrug. Er war lediglich derjenige, der zu Mittag die Leberkässemmeln holte. 


Leider, so dachte sie, hatte sie sich wegen der in ihrem jugendlichen Körper werktags ungelöscht vor sich hinglosenden Begierde schon zum zweiten Mal dazu hinreißen lassen, ihm ihren ungeschützten Unterleib als Auffangbecken darzubieten. Und leider waren seine Samen agiler, als ihr Produzent es dem äußeren Anschein nach vermuten ließ. Dabei hasste sie es, mit dickem Bauch und schweren Brüsten durch die Gegend zu schlurfen und kleinen Abbildern ihres Ehemanns, ihrer eigenen Mutter, einer ihr unbekannten Tante namens Lintschi, oder wen immer die Leute in dem runzeligen Gesicht des Kindes zu erkennen meinten, ans trübe Licht dieser Welt zu verhelfen. Aber sie tat eben ihre Pflicht als braves katholisches Hausmütterchen, so wie man es auch ihr in besagter Klosterschule eingebläut hatte – und das nicht nur mit Worten. Die gesamte Institution diente dem Zweck, die Mädchen zu guten, gehorsamen Ehefrauen und Müttern auszubilden.

Noch nie hatte sie es so sehr bereut, brav, katholisch und Hausmütterchen zu sein, als in diesem von Wehen geschüttelten Moment. Ein Hausmütterchen von zweiundzwanzig Jahren, das von der familiären Beengtheit zu Hause in die Beengtheit der Ehe hinübergewechselt war! Nach San Francisco trampen, mit Blumen im Haar, einem Joint zwischen den Lippen und dreimal täglich lustvoll stöhnend Liebe machen, bis die spießigen Nachbarn die Polizei riefen; das hätte sie tun sollen! Stattdessen ließ sie unter familienfreundlich dezentem Seufzen am Wochenende ihren Ehemann gewähren, pilgerte sonntags in die Pfarrkirche Sankt Franziskus, streute Asche auf ihr Haupt und inhalierte widerwillig den Weihrauch, der in dicken Schwaden durchs Kirchenschiff wallte.

Unser katholischer Priester war ein begnadeter Räucherer vor dem Herrn. Er verspritzte auch leidenschaftlich gerne in rauen Mengen Weihwasser – aber nicht nur dieses. Er war besessen von der Weiblichkeit und höchstwahrscheinlich der wahre Erzeuger meines Schulkollegen Roland, was abgesehen von dessen Vater ohnehin jeder wusste. Der kannte lediglich die hochwürdige Herkunft anderer Kinder und bedauerte die armen betrogenen Männer. Obwohl: Vielleicht war es ja doch mehr als ein tragisches Unglück, dass Rolands Vater eines Tages – wir waren sechs Jahre alt – auf der Heimfahrt von der Arbeit jenen massiven historischen Bildstock anvisierte, der als einziges Hindernis weit und breit am Straßenrand stand und für den unser Herr Pfarrer eigenhändig ein neues Fundament gemauert hatte. Aber das ist eine andere von bösen Zungen gern erzählte Geschichte. Rolands Vater nahm die Wahrheit noch an der Unfallstelle mit ins Jenseits, und unser Herr Pfarrer erlag wenig später bei einer seiner Lieblingsbeschäftigungen einem Herzinfarkt. Bei all seiner Ungerechtigkeit sorgt das Leben dann doch wieder für einen gewissen Ausgleich. Bleibt für Rolands Vater zu hoffen, dass der Paradiesgarten groß genug ist, damit die beiden einander in der Ewig- keit nie wieder begegnen.

Neuerlich gellte ein Schrei durch den Garten, der Karli zusammenfahren ließ. Er duckte sich noch tiefer unter die Himbeersträucher. Meine Mutter streckte mit irrem Blick die Hände in Richtung ihrer Schwiegermutter, und es hatte den Anschein, als wollte sie dieser an die Gurgel fassen. Die Hebamme kreischte erschrocken auf und folgte dem Impuls dazwischenzugehen. „Wenn Sie uns jetzt kurz allein lassen würden, damit ich die junge Frau in Ruhe untersuchen kann?“, sagte sie freundlich, aber bestimmt, während sie in Wahrheit Jobs wie diesen hasste. Die Tatsache, dass zur damaligen Zeit noch kaum jemand bei uns den Begriff „Job“ verwendete (man hatte eine Anstellung, einen Posten, eine gute Position), machte die Umstände für sie um nichts besser, weil es nicht die Geburtsbegleitung selbst, sondern das Drumherum war – und damit meinte sie vor allem die seltsamen Leute, mit denen sie konfrontiert wurde. Als ob die Schwangeren allein nicht schon anstrengend genug gewesen wären. 


Wozu eine Hausgeburt in engen Wohnungen, stickigen Schlafzimmern oder gequält vom Geruch des ihr auch im nicht angebrannten Zustand verhassten Kohlgemüses, dachte sie, wenn es in wenigen Kilometern Entfernung ein wunderschönes, neues und steril riechendes Spital mit feschen Ärzten gab? Ärzte, die den Frauen allein durch ihre Anwesenheit Vertrauen und Zuversicht ver- mittelten und sie durch eine simple Frage zu einer glücklichen „Frau Doktor“ mit Einbauküche und Waschmaschine machen konnten. Sie meinte natürlich nicht die Gebärenden, sondern die Hebammen – oder eigentlich eine ganz bestimmte Vertreterin dieses Berufs. Liebend gern hätte sie eine dauerhafte Anstellung mit geregelten Dienstzeiten im Spital gehabt. Das wussten aber die alteingesessenen Kolleginnen zu verhindern, weshalb sie zwangsläufig zur Spezialistin für Hausgeburten zu jeder Tages- und Nachtzeit geworden war und statt eines brauchbaren Mediziners bisher nur den Herrn Pfarrer abbekommen hatte.

Naja, da hatte es vor ein paar Jahren noch diesen italienischen Studenten gegeben, den sie in Bibione kennen- und liebengelernt hatte. Wahrscheinlich hätte sie sogar damit leben können, dass er nur Veterinärmediziner werden wollte, aber er hieß nun einmal Andrea mit Vornamen, so wie sie selbst. Andrea und Andrea – damit hätten sie weder in Italien noch hier leben können, ohne zum Gespött der Leute zu werden. Und da keiner von ihnen gewillt war, eine kostspielige Namensänderung durchzuführen, schlief die Beziehung wieder ein, noch bevor sie miteinander geschlafen hatten. Bis zum Vorspiel waren sie immerhin gekommen, aber das beherrschte der Herr Pfarrer besser, wie sie sich eingestehen musste. Sie spürte deutlich, dass er in gewisser Weise begnadet war, auch wenn sie sich mitunter fragte, ob es eine Gabe Gottes oder dessen Widersachers war. 


Ihr aktuelles Problem mit ihm war, dass er lediglich der Kirche treu und ansonsten ein rechter Hallodri war. Der alles andere als hochwürdige Kerl hatte noch nie in Erwägung gezogen, sich wie andere geistliche Herren mit einer einzigen heimlichen Beziehung zufriedenzugeben und eine Art von Familienleben zu führen, sondern er sorgte dafür, dass ein gutes Dutzend Frauen einen Grund dafür hatten, regelmäßig bei ihm die Beichte über ihre sündigen außerehelichen Vergnügungen abzulegen. Und dann durfte sie, die Hebamme, seinen Bankerten auf die Welt verhelfen, war vorgestern fünfundzwanzig geworden und hatte zunehmend das Gefühl, mit jeder Nachgeburt ein weiteres Stück ihrer Zukunftsträume zu verlieren. Kein Wunder, dass sie an jenem verregneten Sonntag Anfang Mai '69 schon bei ihrer Ankunft schlecht gelaunt war und weder schreiende Schwiegermütter noch temporär in den Wahnsinn abgleitende Schwangere gut aushalten konnte.

Glücklicherweise ging vor der Schlafzimmertür plötzlich ein Gekreische los, das von meiner fünfzehn Monate alten Schwester Susanne – allgemein Susi genannt – herrührte, die sich von meinem Vater nicht länger bändigen ließ. Angesichts der Tatsache, dass mein Vater mit kleinen Kindern ähnlich gut zurechtkam wie mit einem tollwütigen Frettchen, war es ein Wunder, dass sie es so lange miteinander ausgehalten hatten. Dass er ihr den Mund mit allen vonseiten seiner Frau verpönten Süßigkeiten gestopft hatte, verschwieg er wohlweislich. Nun war die Oma gefragt.

Mein Vater nutzte die Gelegenheit, sich das Rauchen anzugewöhnen, weil er sich von den ihn umgebenden Frauen nicht so recht ernst genommen fühlte. Anders als seine Mutter, die sich nach dem einigermaßen wohlgeratenen süßen Mädchen – das halt das Pech hatte, weiblich zu sein – nun einen Stammhalter für die Familie wünschte, sehnte er einen ihn unterstützenden Sohn herbei, um nicht noch weiter in die Defensive zu geraten. Wozu lebte man in einer von Männern dominierten Welt, wenn die Mütter über einen bestimmten und die Frauen plötzlich von diesen langhaarigen, verlausten Chaoten schwärmten, die es schafften, noch weniger zu arbeiten als man selbst; diese Pippis, Tittis, Quiquis, Hippies oder wie auch immer? Auch deshalb wollte sich mein Vater endlich eine männliche Attitüde zulegen, wie er sie seit seiner Jugend an amerikanischen Filmhelden wie John Wayne, Gary Cooper und James Dean bewunderte. So heizte er sich, eine seiner Ansicht nach lässige Haltung einnehmend (denn „lässig“ war damals „cool“), im Wohnzimmer eine an und machte einen tiefen Lungenzug.

Leider war mein Vater weder lässig noch cool, sondern in den Augen seiner Umgebung einfach nur peinlich. Und dies schloss die Augen seiner Familie, inklusive die der eigenen Mutter, mit ein. Nur hätte Letztere es niemals zugegeben, weil sie es sonst als persönliches Versagen hätte sehen müssen und ihr der Sinn ihres bisherigen Lebens verloren gegangen wäre. Folglich sagte sie ihm zwar regelmäßig die Meinung und machte ihm Vorhaltungen, verhätschelte ihren großen Buben zugleich aber weiterhin bis zur Besinnungslosigkeit und uns, seine Kinder, mit ihm. Was uns angeht, hätten wir es nicht besser treffen können. Naja, meine Schwester vielleicht schon, denn sie hatte eben das falsche Geschlecht, was sie von vornherein auf die zweite Position zurückwarf.
 

Bedauerlicherweise war mein Vater nicht nur nach Ansicht seiner Umgebung peinlich, er war es tatsächlich. Im selben Augenblick, in dem der Rauch aus seiner Filterlosen tief in seine Lungenflügel vordrang, begann er schlimmer zu husten und zu keuchen als Oma Erika beim vergeblichen Rettungsversuch für das qualmende Kohlgemüse. Er meinte, ersticken zu müssen, riss in Panik die Terrassentür auf und stolperte ins Freie. Kaum hatte sich seine Lunge mit frischem Sauerstoff gefüllt, entsandte er mit sich überschlagender Stimme ein paar der damals gängigen Flüche in die Welt. Auch Karli war unangenehm berührt und irritiert, als der Lärm plötzlich aus einer anderen Richtung auf ihn eindrang. Er konnte sich aber nicht noch weiter in Richtung Erdboden ducken und beschloss daher, die Flucht nach vorne anzutreten, sein Versteck unter den Himbeersträuchern zu verlassen und Schutz im Haus zu suchen.

Wäre er nur geblieben, wo er vorher war! In dem Moment, in dem er im Garten unterhalb der Terrasse in einem großen Bogen an meinem grimmig dreinblickenden und laut schnaufenden Vater vorbeischlich, wirbelte dessen weggeschnippte Zigarette bereits durch die Luft. Sie landete mit dem glühenden Ende voran punktgenau auf Karlis Schnauze, was ihn dazu veranlasste, die Richtung zu wechseln und schrill aufjaulend das Weite zu suchen. Dieses Weite endete für ihn, weil er ein Angsthase und fettleibig war, üblicherweise an unserem Maschendrahtzaun. Diesmal jedoch überwand er das Hindernis mit Leichtigkeit und lieferte Sekunden später den Beweis, dass Katzen doch keine sieben Leben haben – zumindest dann nicht, wenn sie vom schwarzen Mercedes des Bürgermeisters überrollt werden, der gerade die junge Frau an seiner günstigerweise rechts befindlichen Schokoladenseite beeindrucken möchte und seine Augen überall hat, nur nicht auf der Straße.

Es ist unwahrscheinlich, dass es dieser Vorfall war, der ihn auf die Idee brachte, ein paar Monate später seine langjährige Ehefrau in der Hauseinfahrt zu überfahren. Böse Zungen behaupteten trotzdem, es sei absichtlich geschehen, während die von seinem völlig unvoreingenommenen Bruder geleiteten polizeilichen Ermittlungen ihn entlasteten und bei der Toten eine dem fortschreitenden Alter geschuldete fatale Mischung aus grauem Star und Tinnitus diagnostizierten, aufgrund derer das heranrollende Auto sowohl optisch als auch akustisch ausgeblendet worden war. 


Viel Freude widerfuhr dem Bürgermeister in seinem Leben trotzdem nicht mehr, da sich die junge Frau bald schon zum Pfarrer hingezogen fühlte und er bei den Gemeinderatswahlen eine empfindliche Niederlage einstecken musste. Es war zumindest vom weiblichen Teil der Einwohner nicht so gut aufgenommen worden, dass er unseren Herrn Pfarrer im Beichtstuhl niedergeschlagen und ihm dabei eine sein hübsches Gesicht entstellende Boxernase verpasst hatte – auch wenn Letzerer ihm am darauffolgenden Sonntag öffentlichkeitswirksam verziehen und dabei kurzfristig die Versuchung verspürt hatte, bei den kommenden Wahlen selbst als Kandidat anzutreten. Das ließ er dann doch bleiben, weil er einsah, dass er in keiner anderen für ihn auf dieser Welt erreichbaren Position mehr Macht und schöne Frauen besitzen würde, als in seiner jetzigen als Mann der Kirche. Ironischerweise war die Frau, in deren Gegenwart ihn der allzu frühe Herztod ereilte, eben jene Exgeliebte des Exbürgermeisters.

Der fristete nach seinem Abgang den Rest seines Arbeitslebens als Vertragsbediensteter in der Landes- regierung. Dort hatte er sich eigentlich – den Schwung aus einer erfolgreichen Wiederwahl als Bürgermeister nutzend – in absehbarer Zeit schon als allseits geachteter Herr Landesrat sitzen gesehen. Nun aber schlichtete er die von den Bürgern eingereichten Antragsformulare auf seinem Schreibtisch von links nach rechts und zurück. Abends und am Wochenende sah man ihn oft lange, einsame Spaziergänge auf dem parallel zur Bundesstraße verlaufenden Feldweg unternehmen. Beim Bildstock – jenem, an dem das Auto von Rolands Vater zerschellt war – hielt er inne und betete, wie es schien, um die Vergebung seiner Sünden. Erst nach einigen Jahren kam zutage, dass er hinter dem Bildstock als einziger Deckung weit und breit auszutreten pflegte, weil er sich ab dem Frühstück gerne ein paar Flaschen Bier gönnte, um die Stunden bis zur nächsten Mahlzeit zu überbrücken und die schweren Gedanken leichter ertragen zu können, die seit dem Verlust seines Amtes regelmäßig über ihn hereinbrachen. 

Der Bildstock jedenfalls hatte den Aufprall weitgehend unbeschadet überstanden, während das Fahrzeug ebenso wie sein Lenker einen Totalschaden erlitten hatten. Was keiner registriert hatte: Die beim Unfall frei werdenden Kräfte bewirkten, dass sich das Fundament im urindurchsetzten Boden leicht nach hinten neigte und sich die zementierte Verbindung zwischen dem Bildstock und seinem Sockel löste. Dann kam es, wie es eines Tages kommen musste: Der Exbürgermeister stützte sich wie gewohnt mit einer Hand am Bildstock ab, gegen den er urinierte, jener wankte unmerklich, geriet ins Rutschen und begrub den Mann unter sich. Nur kurz fühlte sich das Trumm auf seiner Brust belastender an als die schwersten seiner Gedanken. Dann wurde alles leicht. So schnell mutiert man vom alkoholumwölkten Bierseligen zum himmlischen Seligen auf einer Wolke. Nur hoffentlich singt er dort nicht, denn dieses Talent hatte man bei ihm zu Lebzeiten vergeblich gesucht beziehungsweise, was den Leiter des Kirchenchors anging, vergeblich herbeigebetet. Als Bürgermeister und als zugleich einer der gewählten Vertreter der Kirchengemeinde hatte er es sich nicht nehmen lassen, den Gemeindemitgliedern ein Vorbild zu sein und seine Stimme im Chor erschallen zu lassen. Die Misstöne waren symptomatisch für seine gesamte Amtszeit als Bürgermeister. Es gilt als sicher, dass das Niederschlagen des Pfarrers nicht der einzige Grund für seine politische Niederlage war. Allerdings hatte bis zu diesem Zeitpunkt vieles unter dem Topfdeckel der Verschwiegenheit vor sich hingeköchelt. 


Karli, aufgrund seines löwenhaft-majestätischen Aus- sehens auch Kater Karl I. genannt, kennenzulernen, war mir also nicht vergönnt. Wenn ich an das Schicksal von Kater Karl II. denke, war es im Nachhinein betrachtet freilich besser für Karli, mir nicht begegnet zu sein. Der angesichts der attraktiven Beifahrerin gleichsam hormongelenkte Mercedes rollte übrigens weiter, als wäre nichts geschehen. Vermutlich hatte der Bürgermeister tatsächlich nichts davon mitbekommen. 

Mein Vater dagegen beobachtete den Vorfall von seinem Terrassenplatz aus und hätte sich gefreut, dem Bürgermeister, dem er bereits seine Anstellung bei der Gemeinde verdankte, nun auch seine Dankbarkeit dafür ausdrücken zu können, ihn so unerwartet, rasch und schmerzlos von dem Katzenvieh, das mehr Schaden an den Möbeln angerichtet hatte, als es selbst in sieben Leben durchs Mäusefangen jemals wiedergutmachen hätte können, befreit zu haben. 


Er hasste Katzen, das waren lästige, unnütze Tiere, die auf penetrante Art immer ihren Willen durchsetzten – so ähnlich wie kleine Kinder. Die hasste er deswegen auch. Was natürlich zur Frage verleitet, warum er überhaupt eigene Kinder hatte. Nun, vermutlich weil die Frau, die er an den meisten Tagen im Jahr immer noch liebte und die er an allen Tagen im Jahr begehrte, es sich so gewünscht hatte. Oder weil seine Mutter und seine Schwiegermutter es von ihm erwarteten. Oder weil es in unseren Breiten halt so üblich war. Oder weil es ihnen in der Hitze des Gefechts einfach passiert war.

Mehrere der genannten Punkte trafen übrigens später auch auf mich zu, wobei der drängendste Kinderwunsch dann immer noch von meinen Omas Erika und Martha ausging. Sie hofften inständig auf einen Urenkel, auf den das großväterliche Erbe der Schwachheit und Faulheit nicht übergehen würde. Immerhin hatte mich die Peinlichkeit bereits ausgelassen. So gesehen konnte es nur besser werden. 


Aber zurück zur Hitze des Sechzigerjahreschlafzimmergefechts: Mein Vater erkannte seine junge Frau an den Wochenenden kaum wieder, so als würde irgendetwas in ihr vor sich hinbrodeln, sich aufstauen, um am Samstag mit Gewalt auszubrechen. Dann verlangte sie Dinge von ihm, die er erst benennen konnte, nachdem er sie in einem einschlägigen Magazin nachgelesen hatte, das im unversperrten Spind eines Kollegen gelegen war. Schon allein beim Gedanken daran wurde ihm heiß und kalt zugleich – so wie er seine Frau gleichzeitig begehrte und fürchtete. Aus beiden Gründen – Furcht und Begehren – erwies er sich als gelehriger Schüler, der seine anerzogenen Hemmungen nach und nach über die Bettkante warf.

Sicher ist: Weitaus lieber als eine Katze und auch lieber als Kinder hätte er einen Hund gehabt. Aber einen richtigen! Keinen Pudel, Dackel, Pekinesen oder was für Spielzeugköter sonst noch in Mode waren. Keinen Schoßhund, der mit der Familie am Esstisch hockte, aufgrund seiner kurzen Beinchen über Stufen getragen werden musste und im Hamsterkäfig Platz fand. Keinen Zungenkussschmusehund, der den Leuten als Ersatz für ein fehlendes Liebesleben diente. Er wollte einen, der die genannten Artgenossen als Appetithappen zum Frühstück verspeiste. Einen, der seinen Besitzer nicht als Warmduscher und Imsitzenpinkler, sondern als potenten Anführer des Rudels erscheinen ließ. Vor Rottweilern und anderen blutlechzenden Kampfmaschinen hatte er zu viel Respekt, aber ein deutscher Schäferhund wäre recht gewesen. Dann hätte es hier im Haus wenigstens EINEN gegeben, der auf ihn gehört hätte. 

Meiner Mutter gegenüber, die den Kater in die Ehe mitgebracht hatte, würde, nein, musste er leugnen, dass er auch nur irgendetwas gesehen hatte, war das Tier doch in gewisser Weise das Einzige, das ihr von ihrem Vater geblieben war. Von dem hatte sie Karli vor einigen Jahren zum Geburtstag geschenkt bekommen, und seinetwegen war er, ihr Vater und mein zukünftiger Opa Erich, wenig später vom Baum gefallen. Das geschah im Zuge einer unglücklich verlaufenden, unnötigen Rettungsaktion, weil die süße, kleine Tochter, der er nichts abschlagen konnte, der hysterisch geäußerten Ansicht war, das arme Kätzchen würde es von alleine nicht schaffen, jemals wieder von dem großen Baum herunterzukommen.

So kletterte Opa Erich der Katze hinterher, immer weiter nach oben, bis sie beide auf einem Ast zu sitzen kamen, der schon rein optisch den Eindruck erweckte, dass er zwar den Kater, nicht aber den übergewichtigen Vater auf Dauer zu tragen vermochte. Der warf der Reihe nach einen Blick auf Karli, auf den Ast und auf den Boden weit unter sich. Plötzlich fiel ihm ein, wie sehr er im Gymnasium den Physikunterricht geliebt hatte, und ihm gingen Begriffe wie Schwerkraft, Masse und Beschleunigung durch den Kopf. Dann knackste es, und Mutters Vater dachte: „Öha!“ Dann dachte er nichts mehr. Karli landete sanft auf allen Vieren, abgefedert durch den Fettansatz am Bauch des unnatürlich verrenkt unter dem Baum liegenden Menschen.

Der war zwar nicht tot, kam aber auch nie wieder richtig zu sich. Meist gab er nur noch ungustiöse Schmatz- und Grunzlaute von sich. Mit seinem üppigen Schnauzer unter der Nase und seiner Körperfülle hätte man ihn bei flüchtigem Hinsehen für ein Walross halten können. Regungslos im Rollstuhl saß er obendrein und wuchs nun rapide in die Breite, weshalb meine Mutter bald das Gefühl hatte, dass von ihm nur noch eine leere Hülle übrig war, die man für viel zu viel Geld zur Aufbewahrung in einer Anstalt für die Alten und die sonstig Behinderten untergebracht hatte. (In Anknüpfung an die Tradition der dreißiger und vierziger Jahre machte man damals wenig Federlesens mit nicht mehr weiter nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft.) Mit Gewalt verdrängte sie den Gedanken, dass sie durch ihre Hysterie, die den Vater auf den Baum hinaufgejagt hatte, vielleicht eine Mitschuld trug. Es genügte schon, dass ihre eigene Mutter, meine Oma Martha, ähnliche Gedanken hegte, es hasste, dass sie nun als Kellnerin arbeiten und die Familie erhalten musste, und ihre Tochter dies alles fortan spüren ließ. Und ihr um zwei Jahre älterer Bruder, aus noch zu erläuternden Gründen bald schon als „der seltsame Onkel Pauli“ bekannt, war ganz aufseiten der Mutter, was das Leben der Schwester nicht einfacher machte. Sogar in der Schule musste sie sich Fragen gefallen lassen wie: „Stimmt es, dass du deinem Vater Räder unterm Hintern verpasst hast?“ Und die kamen nicht nur von Mitschülern. Darüber reden konnte sie mit niemandem. Kein Wunder, dass sie in die innere Emigration ging und sogar ihre Hysterie – vorerst – nach innen richtete.

Ihr einziger Trost in der Zeit nach dem Unfall war somit ihr Kater Karl I., dem sie all ihre Liebe gab und dessen Zuneigung sie sich erkaufte, indem sie ihn maßlos verwöhnte. Bald schon nahm sein Körper eine ähnlich rundliche Form an wie jener von Opa Erich im Rollstuhl. Manchmal wurde meine Mutter angesichts dessen sentimental, sehnte sich nach den guten alten Zeiten zurück und nach ihrem Vater, an dessen Bauch sie sich so gerne angeschmiegt hatte und der sie mit seinen nach Putzmitteln und Extrawurstsemmeln riechenden Riesenhänden in den Schlaf streichelte. (Er war bis zum Unfall Schulwart an der hiesigen Volksschule gewesen, nachdem sein ausschließliches Interesse für die Physik nicht gereicht hatte, um ihn durch die Matura zu bringen.)
 

In Zeiten, in denen sich solche Anfälle von Gefühls- überschwang häuften, die sie keinesfalls nach außen hin preisgeben wollte, schnappte sie den Kater, schummelte ihn heimlich zu ihrem Vater ins Heim, platzierte Karli auf dessen Schoß und kraulte beide mit traurigen Au- gen am Kopf. Mitunter wurde Opa Erich dann rührselig und versuchte Worte zu artikulieren, die mit sehr viel Fantasie klangen wie: „Verdammtes ... Vieh ... bei ... Geburt ... ersäufen!“ Aber das registrierte meine Mutter nicht. Sie hatte ihren Blick in sich hinein gerichtet – was immer sie dort auch sehen mochte.

Rückblickend betrachtet, musste wohl alles so laufen, wie es gelaufen ist. In der hoffnungsfrohen Zeit des Neubeginns zählte hingegen nur das Jetzt, das von meiner bevorstehenden Geburt und dem Schicksal von Kater Karl I. geprägt war. Letzterer war offensichtlich tot, und mein Vater beschloss, ihn nicht selber vom Asphalt zu kratzen, sondern dies der Straßenreinigung zu überlassen. Und das nicht nur, weil das zermanschte Fellknäuel sogar von der Terrasse aus ein die Peristaltikumkehr in Gang setzender Anblick war. Er hatte zu Karlis Lebzeiten keine Bindung zu ihm aufgebaut, nun sollte es keinesfalls aus Mitleid geschehen – aus Mitleid mit meiner Mutter nämlich, die nun gar niemanden mehr hatte, der eine tiefergehende Verbindung zwischen dem Heute und ihrer Kindheit darstellte. Während er an sie dachte, spürte er tief in seinem Inneren ein Gefühl des Unbehagens, ja einen ersten Anflug von Panik, die Raum zu gewinnen versuchte. Er selbst würde zwar schweigen, doch was, wenn sie nach dem Tier fragen, immer und immer wieder nachbohren würde? Und das würde sie. Er kramte die Zigarettenpackung aus der Brusttasche seines Hemdes hervor und rauchte sich – etwas weniger lässig als zuvor – die zweite Zigarette seines Lebens an. 

Nicht dass er in seiner Jugend keine passende Gelegenheit gefunden hätte, es auszuprobieren. Es habe ihn einfach nicht interessiert, erzählte er gerne zu der Zeit, als er in seiner Einstellung zum Rauchen noch keine Kehrtwende gemacht hatte. Er sei dafür schon in frühen Jahren zu vernünftig gewesen, was ihn seiner Ansicht nach gegenüber vielen Altersgenossen auszeichnete. Die meisten davon, an die er sich während der Schulzeit auf der Suche nach Anschluss anbiedern wollte, hielten ihn freilich für einen Langweiler, eine Fleisch gewordene Schlaftablette, einen geborenen Beamten. Er musste diesen Beruf, der bei der sich revoltierend gebenden Jugend verpönt war, nicht einmal ausüben, um bei seinem Gegenüber diese widersprüchliche Mischung aus Aufbegehren und Unterwürfigkeit, aus Aggression und Resignation hervorzurufen – und das Jahre vor der Matura (zu der er im Übrigen mit den Worten „Der Aufwand lohnt sich nicht“ niemals antrat). Sie wunderten sich später trotzdem darüber, ihn nicht hinter einem Schreibtisch vorzufinden, Aktenstapel von einer Seite zur anderen schlichtend.

Und dann gab es einige wenige, die mehr wussten. Sie hatten den peinlichen Moment miterlebt, als mein Vater daran gescheitert war, seine erste heimlich zu rauchende Zigarette überhaupt zum Glühen zu bringen. Dies schamlos ausnutzend, stellten sie ihn vor die Wahl, als größte Lachnummer, welche die Schule je gesehen hatte, in die Geschichte einzugehen, oder ihnen ab sofort täglich die Jausensemmeln zu liefern. Im Gegenzug dazu würden sie schweigen. Mein Vater wählte die Option des Semmellieferanten und fand bald schon Gefallen an dieser Aufgabe, die ihm eine gewisse Bedeutung und das Gefühl verlieh, irgendwie dazuzugehören. Immerhin waren unter ihm noch ein, zwei andere, die nicht einmal als Laufburschen akzeptiert wurden.

Jetzt zog er an seiner zweiten Zigarette, atmete tief ein und erlitt den nächsten Erstickungsanfall, der ihn neuerlich in Panik geraten ließ. Diesmal schleuderte mein Vater die brennende Zigarette reflexartig von sich. Sie landete in Oma Erikas Dekolleté, die ihr Sonntagshauskleid trug und die Regenpause genutzt hatte, um mit Susi an der Hand auf der Terrasse ein wenig Luft zu schnappen. Unter durchdringendem Gekreische und der wiederholten Frage, ob mein Vater wahnsinnig geworden sei, versuchte sie die Zigarette loszuwerden, indem sie von oben in ihren Ausschnitt fingerte und dabei veitstanzartige Sprünge von erstaunlicher Gelenkigkeit vollführte. Mit diesem Verhalten versetzte sie Susi in Aufregung, die aus Schreck über die Großmutter bei gleichzeitiger Solidarität mit ihr in das Geheule einstimmte. Mehrfach konnte man aus dem Mund der Kleinen auch das Wort „wahnsinnig“ vernehmen. 


Das alles spielte sich in einer Lautstärke ab, dass meine Mutter es deutlich durch das geschlossene Schlafzimmerfenster hörte – woraufhin auch sie loslegte. Die Hebamme war unsicher, ob diese Reaktion der Schwangeren dem Lärm im Garten oder einer in diesem Moment einsetzenden Wehe geschuldet war. Sie wusste nur, dass sie sich an diesem Ort schon bei der Geburt des ersten Kindes unwohl gefühlt hatte, und dann fiel ihr auch wieder ein, warum: Hier herrschte nichts als Gekreische.

Das war der Tag, an dem ich noch nicht geboren wurde. 

Erste Auflage 2020
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